Buchcover: Jahrgang 1902
Buchcover: Jahrgang 1902

Der Roman von Ernst Glaeser Jahrgang 1902 wurde 1928 in Potsdam veröffentlicht. Das erste Buch beginnt mit dem Untertitel “la guerre- ce sont nos parents“ (Krieg – das sind unsere Eltern)

Der in weiten Zügen autobiografische Roman, erzählt die Geschichte eines Knaben und Heranwachsenden. Aufgegliedert in zwei Bücher beschreibt das erste Buch den schulischen und bürgerlichen Werdegang von Ernst, sowie die plötzliche Kriegseuphorie. Das zweite und kürzere Buch beschreibt die Zeit des ersten Weltkrieges und die Ohnmachtempfindungen der daheim gebliebenen.

Ich lernte Ferd kennen, als er sechs Jahre alt war.
Er nahm in unserer Schule eine Sonderstellung ein. Sein Intellekt, durch die Reisen und den Umgang mit seinem Vater frühzeitig geweckt, sicherte ihm eine Überlegenheit, die seinem schweigsamen Wesen gut anstand.

„Ich bewundere Ferd.“ heisst es vom Ich-Erzähler, den Ernst ist um dessen Freundschaft ersucht. Leo Silberstein ist der dritte der ungleichen Bande. Er ist ein zu schützender, schwacher Junge zudem auch noch Jude. Er bekommt die volle härte der gängigen Ressentiments im schulischen Alltag zu spüren und die zunehmende Judenfeindlichkeit.

Mit zunehmenden Alter von Ernst werden die kindlichen Spiele mehr und mehr zur Nebensache und die Frage nach dem „Geheimnis“ kommt ihn ihm auf. Mit den Mitteln eines zarten Knaben versucht er das „Geheimnis“ zu ergründen. Es wird ihm lange Zeit nicht gelingen, soviel sei hier verraten. Eine weitere Facette des ersten Buches sind die kritischen Blicke auf das Obrigkeitsgedünkel. Arbeiteraufstände die von Sozialdemokraten Kremmelbein angeführt werden und vom Regierungsasseccor Dr. Persius gekontert werden, sie geben Hinweise darauf in welcher schwieriger Lage sich die Lohnarbeiter in dieser Stadt (vermutlich Offenburg) befinden.

Der Wartesaal war überfüllt. Von Hand zu Hand ging ein Telegramm: die deutsche Kriegserklärung an Rußland.
Wegen der Brüder in Österreich.
Die „Wacht am Rhein“ wurde gesungen und das Flaggenlied. Der Professor sang mit, auch meine Mutter. Ich hatte Angst vor so viel Fröhlichkeit, denn ich musßte immer noch an Gaston denken. Wenn Gaston hier gewesen wäre, hätte ich gerne mitgesungen. […] „Sehen Sie das Volk“, sagte der Professor zu meiner Mutter, „wie begeistert es ist un einig unter sich. Rechtfertig das allein nicht schon den Krieg?“ Er deutete auf den Wartesaal, der von Gesang und lauten Gesprächen dröhnte. Die Mensche riefen sich „Bruder“ zu. […] „Dieser Krieg“, antwortete der Professor, „ist ein ästhetischer Genuß sondergleichen. Zum ersten mal sehe ich die Volksseele sich entfallen.“

Ernst Glaeser beschreibt diesen Genuss und die vorherrschende Euphorie ausführlich, damit wird der Sturz umso tiefer. Das dieser „Genuß“ bei den daheimgebliebenen nach und nach, mit den ersten Toten und den Hungerwintern, in das Entgegengesetzte umschlägt, ist kein Geheimnis. Der immer noch junge Ernst wird notdürftig unterrichtet, wird notdürftig konfirmiert, wird notdürftig mit Lebensmitteln versorgt, wird aufs Land verschickt. Die Entbehrungen, das Leben ohne Väter, werden zum Trauma einer ganzen Generation, so Glaeser. Die Erinninerung an den Halbsatz „la guerre- ce sont nos parents“ schwingt hier immer mit.

„Weißt du“, sagte er […] „ich habe heute meinem Vater geschrieben!“ „Ja“, sagte ich, über die Schärfe seiner Stimme betroffen, „das glaube ich. Aber wo ist den dein Vater?“

Dieser Dialog zwischen Ferd v. K. und Ernst ist Symptomatisch für den Jahrgang 1902. Dieser Roman beschreibt die zivilen Seiten der Zeit zum Ende des Deutsche Kaiserreich. Der Roman endet mit dem Tot von Anna. Es ist Ernst erste große Liebe, sie wird durch einen Fliegerangriff unwiederbringlich aus seinem Herz gerissen.

Die Erlebnisse und Dramen des kleinen Ernst während des großen Krieges, kumulieren weiter, bis hin zur zweiten großen Katastrophe des 20.Jhd. In Jahrgang 1902 werden genau die Menschen und Umstände beschrieben, die 21 Jahre nach dem Ende des ersten Weltkrieges, hauptverantwortlich sind, für die Schrecken des von Nationalsozialisten begonnenen zweiten Weltkrieges. Wie schon in Heinrichs Manns Der Untertan, wird auch bei Ernst Glaesers Jahrgang 1902 Kritik an der Obrigkeitshörigkeit spürbar, jedoch bei Glaeser wesentlich ziviler und unironischer als bei Mann. Der Film Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte von Michael Haneke ist thematisch über weite Teile Deckungsgleich mit diesem Glaesers Werk.

Mit der Darstellung eines recht weichen und emotionalen Jungen war der Held der Erzählung ein Gegenstück zu dem, wie das NS-Regime ihre Jugend sehen wollte. Vermutlich haben auch das erotische Gebilde und die leichten homoerotischen Anwandlungen in Jahrgang 1902 zum Verbot während der NS-Diktatur geführt.

Fazit:
Jahrgang 1902 ist ein flüssig zu lesender Roman, mit eindeutigen Identitätsfiguren. Seine Spannung erhält der Roman aus der Mischung erzählter Vorgange, autobiografischen Erlebnissen und geschichtswissenschaftlicher Brisanz. Jahrgang 1902 ist Antikriegsliteratur, und mindestens so eindringlich wie Im Westen nichts Neues, wenn auch anders – unbedingt lesen. Leider ist wird der Roman nicht mehr Verlegt. [update: es gibt eine Neuauflage vom Wallsteinverlag von 2013]

Fakten

2 thoughts on “Ernst Glaeser: Jahrgang 1902

  1. Sehr anrührend und großartig, wieder gelesen nach 40 Jahren oder mehr, ich habe eine Ausgabe von 1959. Schade, daß er seine Überzeugung wechselte. Ich kenne von ihm nur dieses Buch.

    1. Sehr geehrte Frau Doris Bock,
      das Buch „jahrgang 1902“ lese ich gerade.
      Ein interessantes und auch politisch erklärendes Buch.
      Das Geheimnisgetue um die Sexualität darin, wirkt heute sehr abseitig,
      aber die Menschen waren damals so verklemmt.
      Mit freundlichem Gruß
      Frederik Eix

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