Commons – Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat

Kapitel I – Commons, ein Paradigmenwechsel

Ein Rückblick

Jacques Paysan

Die Pyrenäen. Sie sind nicht allzu hoch –
ihre Linien sind sanft geschwungen, der
scharfe Grat ist hier selten, und alle Kuppen
sind rund. Es ist wie erstarrte Musik in
diesen Höhenzügen.
Kurt Tucholsky, 1927

Wir stehen auf dem Col de Peyreget, wo ein kleines Schild eine Höhe von 2.320 m über dem Meeresspiegel anzeigt. Nicht allzu hoch also, ich bin trotzdem außer Atem. Vermutlich ist aber nicht der Berg daran schuld, sondern meine mangelhafte Kondition. Die runden Kuppen kann ich nicht sehen. Sie dösen im Morgennebel vor sich hin. Es duftet nach Thymian und feuchtem Gras. In der Ferne hört man Schafglocken. »Dort unten«, sage ich und zeige ins Tal. Sie blickt suchend in die Tiefe. »Siehst du sie?«, frage ich. »Die Schafe! Die Schafe von Garrett Hardin.«

Sie verdreht die Augen. »Garrett Hardin? Lass mich bloß mit Garrett Hardin in Ruhe«, gibt sie zurück und macht sich an den Abstieg. Ich schaue ihr nach und muss lachen. Als wir uns kennenlernten, hatte ich noch nie von Hardin gehört. Auch nicht von seinem »Nutzenoptimierer«, der so lange Vieh auf die Weide treibt, bis die leergefressene Grasnarbe verödet – von der »Tragedy of the Commons« also. »Commons?« Ich hatte keine Ahnung, was das sein sollte. Ich schaue zurück zu den Schafen und nehme einen Schluck aus der Wasserflasche.
Dann folge ich ihr.

Seit unseren ersten Gesprächen über die Commons hat sich mein Blick in die Welt dramatisch verändert. Ich habe einen klaren Standpunkt zu den Commons: Commons? Einfach genial!

Es war ein steiniger Weg bis zu diesem Punkt. Dagegen war unser Aufstieg zum Col de Peyreget ein Zuckerschlecken. Am schwersten tat ich mich mit dem Unterschied zwischen »Ressourcen« und »Commons«. Dieser Lernprozess erinnert mich an das Bild, in dem man entweder zwei Gesichter oder eine Vase sieht. Das dominierende Bild verdrängt die komplementäre Kontur aus unserer Wahrnehmung bis der Groschen fällt. Dann sind beide Aspekte plötzlich problemlos erkennbar. Ist es nicht erstaunlich? Die Commons verstecken sich in Missverständnissen, wie die Bergkuppen im Nebel. Was also sind Commons?

Eine Wiese, auf der die Hirten gemeinsam ihre Schafe weiden? Nein? Eine Sozialbeziehung, die den Zugang der Schafe zur Wiese regelt? Damals stöhnte ich und raufte mir die Haare. Was sollte das sein: eine Sozialbeziehung, auf der die Schafe weiden?

Mein Groschen fiel erst mit einem Beispiel, das wenig mit Politik und Schafen zu tun hat: dem Bergsteigen! Ich bleibe stehen und lausche. Aus der schroffen Felswand, an deren Fuß wir gerade wandern, hört man das Klirren der Karabiner und die Rufe der Kletterer, die ihre Kräfte mit der Schwerkraft messen.

Einst eine Extremsportart, treibt das Klettern heute Tausende in Hallen und Felswände. Der Berg und die Route bilden die Ressource. Die aktiven Kletterer, das sind die »Commoners «, die sich eigenständig auf komplizierte Regelwerke geeinigt haben: Verhaltensregeln und Schwierigkeitsgrade. Einfach war das nicht und konfliktfrei schon gar nicht. Aber heute sind die Differenzen überwunden. Die Kletterer kümmern sich um die Routen, sorgen für stabile Verankerungen, die vor gefährlichen Stürzen bewahren, zeichnen Routenskizzen und bezeichnen die Passagen mit einfallsreichen Namen. Auch Konflikte mit Naturschützern versucht man einvernehmlich zu lösen, was manchmal die Hilfe von Behörden erfordert.

Schutzrechte und Patente gibt es nicht. Im Gegenteil: Die Cracks unter den Kletterern erfinden ständig neue Routen und laden alle Welt dazu ein, sich daran zu versuchen. Dabei gilt die Regel: »Don’t leave footsteps! – Ermögliche nachfolgenden Kletterern, die Route in dem Zustand zu entdecken, in dem du sie entdeckt hast.« Einige der so entstandenen Routen sind weltberühmt, wie »The Nose« am El Capitan im kalifornischen Yosemite-Nationalpark. In Tausenden von Jahren aber, wenn die Kletterer längst ausgestorben sind, werden diese Felsen dort immer noch stehen. Ein Commons sind sie dann nicht mehr, denn das Commons ist die Sozialbeziehung: der Klettersport und nicht der Fels. Meine Begleiterin ist längst über alle Berge, und ich müsste mich sputen, um sie einzuholen. Stattdessen stolpere ich durchs Geröll, versunken in philosophische Betrachtungen. Aber die Commons haben mir eben die Augen geöffnet. Und wie!

Heute sehe ich überall Commons. In jedem Park, in dem Menschen zusammen Boule spielen, ein Glas Wein trinken und reden. An den Wasserquellen in Baktapur, wo die nepalesischen Frauen lange Schlangen mit ihren Wasserkrügen bilden und dort nach für uns unsichtbaren Regeln Trinkwasser abfüllen. Wenn ich mit meinem Sohn zum Angeln gehe oder mit Ärzten über satellitengestützte Telemedizin diskutiere, mit deren Hilfe ein Arzt in Zentralafrika die Expertise von Kollegen in Großbritannien nutzen könnte, wenn, ja wenn wir die Nutzung dieser Expertise als ein Commons und nicht als eine kommerzielle Dienstleistung organisieren würden. Das Kaleidoskop der Commons ist bunt, und die Liste der Möglichkeiten, die ich sehe, wächst mit jedem Gedanken. Unten im Tal blöken die Schafe. »As a rational being«, schrieb Hardin 1968, »each herdsman seeks to maximize his gain.« Als rationales Wesen versucht also jeder Schäfer seine Gewinne zu maximieren? Als sei der Schäfer dümmer als das Schaf. Als wäre er nicht imstande, sich mit Kollegen auf Regeln zu einigen, die eine nachhaltige Nutzung der Wiese im Interesse aller sichern. Wie bizarr erscheint mir heute dieser Kurzschluss im Gehirn, der uns blind macht für die Tatsache, dass Menschen sich kooperativ verhalten wollen, wenn auch andere dies tun. Das unselige Bild vom Nutzenmaximierer versperrt uns die Sicht auf die Commons wie ein Brett vor dem Kopf.

Mir fällt ein Satz ein, den ich vor zwanzig Jahren in meiner Dissertation geschrieben habe: »Seit Charles Darwin 1871 die gemeinsame Abstammung von Mensch und Affe postulierte, hat der Mensch versucht seinen prinzipiellen Unterschied zum Affen zu definieren« (Paysan 1994). Damals kam es mir gar nicht in den Sinn, die Frage selbst zu beantworten, aber heute erscheint mir die Lösung dieses Problems ganz einfach. Es ist das Broca-Areal, das Sprachfeld der Hirnrinde, das nur beim Menschen existiert. Und die Sprache ist das wichtigste Werkzeug der Kooperation. Jeder Wurm mit seinem Strickleiternervensystem kann konkurrieren, und wenn es nur um ein Erdloch ist. Was aber den Menschen ausmacht, ist die Fähigkeit zur vorausschauenden Kooperation auf abstraktem Niveau und in höchster Perfektion. Beim Versuch, meine Begleiterin einzuholen, stolpere ich über einen Stein und lande unsanft auf dem Boden. Alles zu seiner Zeit, denke ich und setze mich ins Gras. Die Thematik ist komplex und nicht im Gehen zu lösen. Auch Konkurrenz braucht ihren Raum. Ungeteilte Aufmerksamkeit zum Beispiel ist ein hart umkämpftes Gut. Wenn es um Anerkennung und Zuneigung geht, findet Kooperation oft ein jähes Ende. Im Vergleich zu den potentiellen Problemen in einer Paarbeziehung ist die Frage, wie wir unseren Umgang mit Algorithmen und Melodien, mit Rezepten, Literatur und wissenschaftlicher Erkenntnis, mit geistigem Eigentum, Autorenrechten und dem Zugang zu Badestränden und Bildung regeln könnten, ja geradezu ein Kinderspiel. Aber wer sagt eigentlich, dass es einfach sein muss?

Apropos schwierig! Die härtesten Auseinandersetzungen hatten wir um Patente und über das Copyright. »Warum sollte jemand von einem Text profitieren, den er frech von mir abgekupfert hat?«, fragte ich noch vor kurzem empört. »Warum eigentlich nicht?«, denke ich heute. »Solange er mich als Autor nennt.«

Was Tucholsky betrifft, so zitiere ich ihn jedenfalls oft und gerne – und sein Werk ist inzwischen gemeinfrei und von verwertungsrechtlichen Bürden erlöst. »Erlöst vom Gebirge«, so schrieb er 1927, »– erlöst vom Klettern und Steigen. In meinem Herzen liegt eine kleine Flocke, eben geboren, ein Ei: Sehnsucht nach den Pyrenäen.«

Literatur
Paysan, Jacques (1994): GABAA-Rezeptor-Subtypen als Area-Marker in der Ontogenese
des cerebralen Neocortex, Universität Zürich.
Tucholsky, Kurt (1927): Ein Pyrenäenbuch, Rowohlt.

Abbildungen
Fotos: Jacques Paysan
Jacques Paysan (Deutschland) ist promovierter Neurobiologe und Commons-Fan und lebt in München. Ein Teil der Geschichte aus seinem Beitrag ist auf dem Blog http://pyrenaeen.wordpress.com illustriert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.