Buchcover: Masci "Ordnung herrscht in Berlin"
Buchcover: Masci „Ordnung herrscht in Berlin“

Ein polemisch-philosphiser Essay gegen den Hype um Berlin: In dieser Stadt wo dauereuphorische Menschen einer leeren Utopie nachjagen.

Franscesco Masci ist 1967 in Italien geboren, studierte Philosophie an der Universität Perugia. Nach einen Studienaufenthalt an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, ging er 1994 nach Paris. Er beschäftigt sich mit der Kultur der westlichen Moderne und der Postmoderne. Im Jahr 2013 brachte er „L’Ordre règne à Berlin“ heraus was seit März 2014 auch auf Deutsch unter „Die Ordnung herrscht in Berlin“ bei Matthes & Seitz erhältlich ist.

überall Fiktion

Die provokanten These, das Ordnung in Berlin herrsche lässt so manchen Berliner am Geisteszustand von Masci zweifeln, weil jeder der mit einigermaßen wachen Augen durch die Stadt geht, Unordnung und Chaos sieht. Das Gegenteil von Ordnung scheint allgegenwärtig, in der Bundeshauptstadt zu sein. Was und welche Ordnung Masci genau meint, beschreibt er in seinen neuen Essay „die Ordnung herrscht in Berlin“. In sechs Kapitel ist das Werk untergliedert, Ordnung, Raum ohne Territorium, Endstation Moderne, totale Mobilmachung, nichts zu Diensten, Karten. In sehr großen gedankensprüngen versucht er Berlin als eine der wichtigsten Zentren der Moderne dar zustellen. Eine Stadt in der laut Masci „der Untergang des Abendlandes“ am deutlichsten uns schärfsten zu beobachten ist. In seinem Essay stellt er u.a. Argumente dar wie die Bebilderung eine entscheidende Rolle für das Image der Stadt spielt. Sowohl die politischen Bilder Berlins aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und später die Mauerbilder, machen die Stadt zu einem zentralen politischen Fixpunkt der Weltgeschichte, so Masci. An solchen Bildern wie sie „Berlin Alexanderplatz“ (A. Döblin, 1929, verfilmt 1931) oder „Symphonie einer Großstadt“ (W. Ruttmann, 1927) erzeugen, versucht Masci eine verhängnisvolle Verkettung nachzuvollziehen, warum diese Kultur zur laut Masci zur absoluten Kultur führt. Was Masci als absolute Kultur meint ist zum einen, Entertainment pur, reinste Fiktion, keine Fakten usw. . Absolute Kultur und absolute Politik sind die zwei gegensätze auf er sein polemischen Essay aufbaut.

Masci geht nicht sehr tief auf das geteilte Berlin ein, benutzt aber die ost- und westberliner Punkszene um sein Bild, wie die Stadt zu dem geworden ist wie sie heute ist, zu zeichnen. Seinen Beobachtungen zur Folge hatten die Punks im Westteil „no future“ und die Ostpunks „too much future“ als Leitspruch. Die im Westen, waren die geduldeten, die ohne Funktion, nach außen offener Freiheit und ohne echten Gegner. Sie konnten tun und lassen konnten was sie wollten. Die Ostpunks hingegen es mit echten Widerstand zu tun und waren realen politischen Repressalien ausgesetzt. Das politische System ihrer Stadt, Ost-Berlin (Hauptstadt der DDR) machte ihnen zu viele Vorgaben, zu viele Zwänge, zu viel Ordnung. Dieser Verwaltungsapparat und die Art von Weichen stellender Ordnung hat sich im kurzen Slogen „too much future“ (zuviel Zukunft) ausdrückte. Sie waren eine echte Opposition, während die im Westen durch Langeweile und politische Sinnleere hervor stachen. Mit dem Mauerfall verfiel die politische Punkkultur im Osten. M. Spricht dabei von „negativität der Leere“. Die westliche Kultur verdrängte das „to much future“ und invertierte den Fakt der Revolte in eine Fiktion von Revolte.

Edelpunk, Hipster & Co …

Die „neuen Menschen“ sind von der „absoluten Kultur“ beherrscht. Die wechselden Trends und Modeblasen geben sich gerne selbstbestimmt und unabhängig, dabei sind sie enorm kraftlos. Sie zerfallen zum Jahreswechsel und erupieren im nächsten Frühjahr in anderer Form. Die Menschen jagen Bilder einer Projektion hinter her. Eine politische Emanzipation erzeugt der Konsum und das nacheifern von Träumereien nicht. Touristen oder Neuberliner durchstreifen die Revo- und Künstlerkieze mit einer vorgeprägten Meinung und einem bereits fertigen Bild im Kopf, das sie sich daheim gemütlich durch Illustrierte Magazine zusammen geg(k)laubt haben. Mit der Wirklichkeit hat dies nicht zu tun. Der „neue Mensch ist kein Pionier sondern ein Kolonalist“ der sich sich ins gemachte Nest setzt. Wirklich neues entsteht nicht. Zu hunderttausenden tauchen die Menschen in Form eines „Selfie“ bei Facebook auf. Im Hintergrund eine der vielen belanglosen Kunstgallerien, oder ein Club wie die Bar25, das Berghain usw..

Auf ihrem Höhepunkt bringt die Zeit der absoluten Kultur nichts weiter hervor als Wiederholungen. Der entfesselte Individualismus mit seinen libertären Erscheinungsformen nimmt […], nur noch die Gestalt unnötiger Wiederholungen von Bildern und Events an, die schon bei ihrem ersten Erscheinen dazu dienten, den Subjekten in einer instabilen Wirklichkeit Halt zu geben. Berlin verkörpert heute die letze Phase in der Entwicklungsgeschichte der absoluten Kultur. […] Berlin ist ein modernes Pomeji ohne Vesuv.

der Abgesang

Bei der Ordnung von der Masci spricht handelt es sich um eine neue, höchst unwahrscheinliche Ordnung, die mit den klassischen politischen Kategorien schwer zu fassen ist. Es ist eine Ordnung die auf minimalen Einsatz von Gewalt beruht und doch nicht weniger zwingend und erbarmungslos als die von Rosa-Luxemburg bekämpfte. Masci klagt die Menschen nicht an, das sich sich nicht gegen die Ordnung auflehnen, aber es ist ein Ruf, sich vom unkonkreten zu lösen und wieder politisch zu werden.

Der Essay liest sich etwas sperrig, weil er ohne große Erläuterungen Thesen aufstellt, und quer durch die europäische Geschichte der Aufklärung und Moderne springt. Aber den aufmerksammen Stadtsoziologen und Philosophen gibt er ein weiteres, wertvolles Mosaikteilchen zur Beurteilung der Gegenward mit und stellt gleichzeig ein dystopisches Bild der Gesellschaft des Abendlandes auf.

Mascis Essay ist eine Becks-Bierflasche die er den Euphoriesüchtigen an den Kopf schleudert. Die Hedonisten stören sich wenig dran, sie nehmen die vehemente und oftmals undiffenrenzierte Kritik nicht ernst, oder gar als Ansporn für sich auf, sich immer mehr von der realen Welt zu verabschieden. Ein lesenswerter aber auch zuweilen ungerechter polemisch-philosphiser Essay gegen den Hype um Berlin: In dieser Stadt wo dauereuphorische Menschen einer leeren Utopie nachjagen … .

Fakten

  • Titel: Die Ordnung herrscht in Berlin
  • Autor: Francesco Masci
  • Vö-Jahr: 2013 (franz.)/2014 (deu.)
  • Seiten: 108
  • Verlag: matthes & seitz berlin

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