Menschengruppe im Sonnenuntergang
Der „Robin Hood der Banken“ schlägt wieder zu.
Diesmal ist sein Ziel, eine weltweite Kooperative zu schaffen, um eine neue Form der Gemeingüterwirtschaft zu entwickeln und auszubauen.

Von Pablo Prieto und Enric Duran

Einige revolutionäre Aktivisten haben eine erstaunliche Fähigkeit, die Wirtschaft zu meiden. Wir sind gebrandmarkt mit der Überzeugung, dass die Wirtschaft nicht nur böse ist, sondern die Ursache alles Bösen; dass wir uns davon fernhalten sollen und uns schuldig fühlen, wenn wir damit in Kontakt kommen. Genau wie Don Quijote, sind wir vernünftig und reinen Herzens, aber wir weigern uns, diese eine Wahrheit anzuerkennen: wir brauchen eine neue Ökonomie.

Eine neue Ökonomie beginnt mit einer neuen Art von Geld. Wenn du es bisher hinbekommen hast, in so etwas ähnlichem wie einer Geschenkökonomie zu leben: Gratulation, du hast es geschafft. Das funktioniert allerdings nur für einige von uns in relativ kleinen Communities und nicht auf globaler Ebene. Du musst zugeben, dass du nicht wirklich die Welt deiner Nachbarn änderst, indem du Ubuntu-Installationen gegen Massagen eintauschst; Du bringst nicht wirklich das hyper-dominante menschliche Herrschaftssystem zum Einsturz, indem du dein Tofu jetzt mit Rainbow-Coins bezahlst, oder?

Während Komplementär- (also „Ergänzungs“)-Währungen großartig auf lokaler Ebene funktionieren, tun sie genau das: Sie ergänzen andere Teilen und bilden gemeinsam ein Ganzes. Was wir aber wirklich aufbauen müssen, ist eine vollständig neue Art in dieser Welt zu leben.

Also los – wir brauchen Geld, wir brauchen dezentralisierte internationale Märkte, Finanzwerkzeuge, solide Handelsnetzwerke… letztlich: ein Finanzsystem. Geld, oder genauso gut Essen, sind an sich nicht schädlich: Bulimie oder Kapitalismus sind es. Geld kann und sollte dem Gemeinwohl dienen – und mit Geld meinen wir mit Sicherheit nicht das Papiergeld. Papierwährungen werden durch böse Strukturen erschaffen und kontrolliert. Sie werden eingesetzt zur Tyrannei und Zerstörung des Planeten (außerdem sehen wir eh keine Möglichkeit, je etwas von diesem Kuchen abzubekommen).

Wir müssen unser eigenes Geldsystem erschaffen – ein besseres, eins das ihres plötzlich überflüssig macht und ihre Banken wertlos, genauso wie Elektroautos es mit dem Tankstellennetz tun könnten. Und der Übergang muss schnell gehen, so dass sie keine Zeit haben zu reagieren und ihn zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen. Diese Sätze sind wohl die Definition des Begriffes disruptive Technologie.

Mit den von ihm erfundenen Bitcoins hat Satoshi Nakamoto 2008 zwei disruptive Technologien gleichzeitig hervorgebracht: die Blockchain, ein öffentliches, universelles, unveränderliches digitales Register und das „Proof-of-Work“-Prinzip (POW), ein neues netzwerkbasiertes Peer-to-Peer-Sicherheitssystem. Mit diesen beiden können wir Dank der Macht der Kryptographie und den Möglichkeiten des Internets nun drei Dinge dezentralisieren und somit demokratisieren:

Die Ökonomie.
Die Blockchain erlaubt es uns, unser eigenes Geld ohne Zwischenhändler sicher aufzubewahren und zu transferieren. Damit wird das derzeitige Finanzsystem automatisch nutzlos, und das ist nur der Anfang davon, unsere gesamte Wirtschaft auf eine ganz neue Art und Weise zu organisieren.
Die Politik.
Wenn wir Banken nutzen und Steuern zahlen, dann macht die Regierung damit was sie will, oder auch was die Banken wollen. Wenn wir stattdessen unser Geld zur Unterstützung von Projekten einsetzen, die wir realisiert sehen wollen, dann werden sie letztlich realisiert. Der Punkt ist: mit der Blockchain haben wir tatsächlich die Freiheit zu entscheiden, ob wir uns lieber für zentrale Regierungen einsetzen oder lieber für eine ganz neue, verteilte Art und Weise unser Leben zu organisieren.
Die Kultur.
Technologien zur Dezentralisierung stärken die Peer-to-Peer-Netzwerkgesellschaft als eine neue Form des Denkens und Handelns, die ganz kurzfristig viele Institutionen und Behörden des alten Regimes ersetzt.

Wieauchimmer, individuelle Herangehensweisen an diese neue Technologie – wie Bitcoin – sind sehr interessante Experimente, aber beängstigend. Man kann sich sogar eine düstere Zukunft vorstellen, die von kalten Algorithmen regiert und von unerbittlichen DAKs (dezentralen autonomen Konzernen) kontrolliert wird. Vermutlich würden wir diese nicht besonders mögen. Vielleicht liegt die Lösung für das Problem staatlicher Hierarchien nicht im vollständig mathematikbasierten Individualismus. Vielleicht wird ein „Mittelweg“ (wie David Harvey sagen würde) gebraucht, der die Möglichkeiten von Dezentralität mit der Leistungsfähigkeit von Kooperation miteinander verbindet.

Eine disruptive Technologie an sich ist nicht revolutionär, es sei denn sie geht einher mit einer neuen Regierungsform, und gleichfalls mit einem neuen ethischen Paradigma, eines das allgemein ehrlich angenommen wird, niemals auferlegt ist. Die Revolution ist nicht allein ein politischer Wandel, sondern ein kultureller und individueller Geisteswandel. Das perfekte politische System wird nicht funktionieren, wenn wir nicht zuerst lernen uns gegenseitig zu lieben. Jede Revolution ohne diese Voraussetzungen wird nur zum Auseinanderfallen der Macht führen, solange bis ein neuer populistischer Führer herausgefunden hat, wie er sie wieder an sich reißen kann.

Und natürlich müssen wir weit über ein neues Finanzsystem hinaus gehen…

Produktive Unternehmen sind normalerweise zu hohen Profiten verdammt, um ihre Schulden bei Banken zurück zu zahlen. Die sogenannte Realwirtschaft muss von dem Parasiten befreit werden und sobald das passiert, werden wir deutlich sehen, dass das Finanzsystem der Gesellschaft absolut nichts zu bieten hat, welch riesiger Beschiss das ganze ist und dass das meiste davon einfach entsorgt werden kann.

Wir (einschließlich Dir) haben eine Menge Arbeit vor uns, um eine Struktur von Initiativen zu errichten, die auf Peer-Produktion und Gemeingüter aufbaut, und diese Struktur kann nicht von Krediten des alten Bankensystems abhängig sein. Es muss zeitgleich ein neues System errichtet werden.

Diese Gedanken inspirierten uns zur Gründung von FairCoop. Einer von uns, Enric Duran (Mitbegründer der ersten „ganzheitlichen Kooperative„) wählte eine Cryptowährung, FairCoin, sorgte anonym für eine gemeinschaftliche Übernahme dieser Währung und kaufte unbemerkt eine signifikante Menge aller existierenden Coins zu einem niedrigen Kurs. Enric brachte dann Menschen von der Cooperative Intergrale Cataluna (CIC), der P2P Foundation, des Dark Wallet Team und andere Aktivisten zusammen, um gemeinsam eine erste Vision zu gestalten, wie FairCoop dazu beitragen kann, eine weltweite Genossenschaft aufzubauen: Eine offene Kooperative völlig unabhängig von Banken oder Staaten, in der alle über ihre eigenen Projekte und Gelder bestimmen können und dennoch von einer kollektiven Struktur beaufsichtigt werden, die als eine Art Vertrauensnetzwerk agiert. Erfolg basiert auf Vertrauen, selbst im Post-Kapitalismus.

Diese kollektive Struktur unterliegt sehr allgemeinen, aber dennoch klaren ethischen Prinzipien, angelehnt an die Hackerethik, die „ganzheitlichen Revolution“ und das Peer-to-Peer-Modell gesellschaftlicher Organisation. Geldbewegungen sind weder durch zentrale Autoritäten kontrolliert, noch komplett unreguliert, sondern gemeinschaftlich verwaltet auf eine weniger dominante und eher partizipatorische Art. Die Entscheidungsfindung ist fairer als im repräsentativen System, aber auch agiler als einige dieser riesigen, endlosen Versammlungen, die wir immer so genossen haben.

FairFunds
sind ein wichtiges der derzeit verfügbaren Werkzeuge von FairCoop. Sie werden die Finanzierung von Projekten sichern, die die obengenannten Prinzipien beachten und zum Gemeinwohl beitragen können. Mehr als 10Mio FairCoins – etwa ein Fünftel der gesamten Menge – liegen derzeit schon in FairFunds und sollen für Projekte zur Umverteilung von Vermögen in weltweite lokale Communities, zum Empowerment von Menschen und zur Schaffung von Gemeingütern und Freien Technologien genutzt werden.
FairMarket
unser weltweiter kollaborativer, fairer Marktplatz ist ein weiterer Raum, in dem wir die Organisation von Konsumenten und Produzenten verändern, um interessante Waren und Dienstleistungen zu tauschen, und zwar ohne Zwischenhändler und ebenfalls so dass wir den Planeten schützen. Dieser Teil unseres Projekts befindet sich gerade in der Entwicklung für den anstehenden Start als Betaversion.

Doch zurück zur Kryptowährung: FairCoin hat einige Eigenschaften, die sich besonders für die Zwecke von FairCoop eignen. Hauptsächlich ist der Prozess der Schaffung von Münzen ein anderer als bei Bitcoin („Proof-of-work“, POW). Er nennt sich minting („Proof-of-stake“, POS). Aber klar, letztlich ging es vor allem um den Namen. Welche Währung man sich aussucht, spielt eigentlich keine so große Rolle. Die wichtigsten Eigenschaften dieses neuen Systems sind nicht als Algorithmen in den Code gemeißelt, sondern ergeben sich aus dem menschlichen Beitrag und der demokratischen Beteiligung aller Mitstreiter.

Mit den Macher-Fähigkeiten die wir in unserem Peer-to-Peer-Gemeingüternetzerk haben, sind wir sicher, dass die FairCoin der Zukunft ein fester Bestandteil der dezentralen Blockchain-Technologie sein wird, und den Menschen in den Mittelpunkt ihres kooperativen Wertesystems stellt.

In jedem Fall ist das wichtigste an der FairCoop-Idee, neben den bereits erschaffenen bzw. entworfenen Tools, ihr offener Prozess. In einer Welt, die sich so rapide ändert wie unsere, in der disruptive Technologien einen beispiellosen Multiplikatoren-Effekt bewirken, sind wir am ehesten erfolgreich, indem wir gleichzeitig selbst etwas bewirken, indem wir Tag für Tag mit immer neuen Ideen unser Wissen und unsere Erfahrungen ausbauen, in unserem eigenen FairCoop-Ökösystem.

Wir zerstören das System nicht, indem wir es mit unseren Holzspeeren angreifen. Wir erschaffen eine funktionierende Alternative und haben bereits begonnen sie weiterzuentwickeln. FairCoop strebt neue, freie, kollaborative Wirtschafts-, Gesellschafts- und Technologie-Werkzeuge für jeden an und wir werden sicherstellen, dass diese auf eine kooperative Art und Weise für den Auf- und Ausbau der weltweiten Gemeingüter eingesetzt werden. Eine Kooperative Welt für eine faire Zukunft.

Wir können dazu beitragen, dass das passiert und hier kannst Du dich über die verschiedenen Möglichkeiten informieren, Dich zu beteiligen.

Pablo Prieto ist Wissenschaftler der zur post-kapitalistischen Welt forscht.

Enric Duran ist post-kapitalistischer Aktivist und Mitbegründer der Catalan Integral Cooperative (CIC) sowie von FairCoop. Er ist bekannt als „Robin Hood der Banken“ für seine legendären anti-kapitalistischen Bank-Betrügereien.

Dieser Artikel erschien im Original bei www.roarmag.org. Die deuschte Übersetzung steht unter der selben Lizenz wie das Original

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