Foto von: Esra Rotthoff
Foto: Esra Rotthoff

Musa Dagh – Tages des Widerstands: Ein Projekt von Hans-Werner Kroesinger im Maxim Gorki Theater

Eine dokumentarische Darreichung der Mitschuld der Deutschen am Völkermord an den Armeniern vor einhundert Jahren und der Umgang damit heute. Interpretiert zwischen Franz Werfels Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“, den hervorgeholten Aufzeichnungen aus dem Außenministerium und persönlichen Zeugnissen der Schauspieler inszeniert von Hans-Werner Kroesinger im Maxim-Gorki-Theater.

Kreis mit drei Ecken

Mit Aufregung und selten langer Vorfreude habe ich mich auf die künstlerische Auseinandersetzung gefreut. Der 24. April 1915 gilt als der Beginn des Völkermord der Jungtürken an den Armeniern. Der Tag an dem in Istanbul die intellektuelle Elite der Armenier verhaftet worden ist. Die Armenier waren eine christliche Minderheit im osmanischen Reich. Die Erinnerung an den Genozid vor genau einhundert Jahren nimmt das Gorki-Theater zum Anlass eine Betrachtung der Geschichte auf die Bühne zu bringen. Franz Werfels überragender Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ soll dabei helfen. Etwa ein Jahr im voraus, 2014 angekündigt, war die Premiere Anfang März 2015. Ich konnte mir die dritte Vorstellung von „Musa Dagh – Tage des Widerstands“ am 25. Mai 2015 ansehen.

Zu Beginn war die Bühne mit einem grauen Vorhang abgehangen, hell und kalt beleuchtet lag der Spielraum da. Zunächst, als Prolog fragten zwei Schauspieler wer von den anwesenden Zuschauern den Übermächtigen Roman gelesen hätte. Eine leichte Reaktion der Zuschauer deutete darauf hin, das die meisten ihn wohl gelesen haben.

Nach dem Prolog wurde anhand weißer Karten, in knappen Szenen das osmanische Reich, sein wachsen und schrumpfen bis zum jetzt, skizziert. Die Armenier und ihre Existenz sowie ihre christliche Tradition festgestellt. Zwischendurch der Blick durch gerahmte Dias, deren Bilder dem Zuschauer vorenthalten wurden. Vermutlich waren in ihnen die Grausamkeiten auf Zelluloid gebannt. Danach wurden die diplomatischen Depeschen, und genauen Berichte von Konsulaten, Beamten und christlichen Würdenträgern aus dem osmanischen Reich, Berlin erreichten und im Auswärtigen Amt archiviert waren, vernichtet. Damit das Kapitel deutscher Geschichte von 1915, höchstens Mitwisserschaft aber nicht Mittäterschaft heißt. Die sechs Schauspieler lasen abwechselnd verschieden Depeschen vor die aus den Aktenschränken des Auswärtigen Amtes kommen. Die genauen berichte geben Auskunft. Das Kapitel von 1915 liegt deutlich lesbar vor.

Dialoge zwischen Kriegsminister Enver Pascha und dem Pastor Johannes Lepsius werden gesprochen. Der Türke der die Armenier vernichten will der andere ein gesandter aus Potsdam der den Kriegspartner zu milderen Aktionen überreden will.

Es folgt die Flucht der sechs Gemeinden auf den Berg Musa Dagh. Das Bühnenbild geht nun ganz auf. Ein riesiger Schiffsrumpf wird gebaut, aus 5 Meter langen Spanten und vielen Blanken. Komitees gegründet, die Verteidigung organisiert. Die Rettung kommt über das Meer.

ästhetische Langeweile

Eine reine Nacherzählung des Romans, macht Hans-Werner Krosinger in seinem Stück zum Glück nicht. Dazu ist der Stoff zu brisant und zu aktuell. Ich fand es eine Gute Idee das Stück aus drei Verschiedenen Haltungen zu Weben. Aus dem Zwirn des Romans, aus dem politischen Windungen der deutschen Politik von damals und heute und eingesprungenen persönlichen Ansichten der Schauspieler. Ich fand es eine gute Idee, die Reden die vor dem Bundestag gehalten worden sind wiederzugeben und die wurmartigen Windungen so mancher Bundestagsfraktion in kompakter Form zu sehen.

Das man den Romaninhalt nur Teilweise auf die Bühnenbretter bekommt ist in Anbetracht der Fülle verständlich, was ich aber nicht verstehe ist, mit wie wenig Ästhetik die Teile und Szenen untereinander verknüpft waren.

Lange Monologe, schlecht zu verstehen, Schauspieler die viele Rollen übernehmen mussten, aber selten in diese dann auch verkörperten. Die Rollen waren schlecht umrissen und blieben dadurch entsprechend blass ausgefüllt. Schlimmer jedoch fand ich den Mangel an Dramatik an Drive und Gefühl für Szenen. Da gibt es so manch thematischen Schnitt, einen Zeitsprung um hundert Jahre. Auf der Bühne passiert nichts, außer das die Worte andere sind als gerade eben, lange Monologe. Kein Lichtspiel, keine Dekoration, keine visuelle Option, ästhetische Langeweile.

Zu benennen ist allerdings Marina Frank die ich unterirdisch schlecht empfand. Schnell, ohne pause sprechend ohne Rhythmus ohne Klang war es furchtbar ihr zuzuhören. Ich hoffe für sie, daß das eine Regieanweisung war und nicht ihre Spielweise ist. Es war aber nicht alles mies was sie tat, das sie sehr gut singen kann, konnte sie zeigen, davon hätte ich gerne mehr gesehen und gehört.

Ich glaube nicht das die Schauspieler alle so schlecht und mies sind wie ich sie heute empfunden habe. Auffallend war außerdem noch das die Kostüme von einem Blinden zusammengestellt worden sein müssen, wenn überhaupt jemand von den Verantwortlichen darauf geachtet hat. Aber eine visuelle Offenbarung war das alles nicht. Es war eher was zu zuhören als zum ansehen.

Fazit:
Eine schrecklich verfehlte Komposition, die zwar eine gute Grundidee im Kern hat, aber von Hans-Werner Kroesinger gnadenlos ohne Bühnenzauber, lieblos dahin gezimmert worden ist. Hans-Werner Kroesinger und seine Mannschaft erleiden Schiffbruch, zerschellen am Musa Dagh.

Bildergallerie:

Bilder: copyright © Ute Langkafel MAIFOTO

Fakten:

  • Titel: „Musa Dagh – Tages Widerstands“ Ein Projekt von Hans-Werner Krosinger.
  • Besetzung:Judica Albrecht, Marina Frenk, Ruth Reinecke, Falilou Seck, Armin Wieser, Till Wonka
  • Regie: Hans-Werner Kroesinger
  • Bühne + Kostüm: Valerie von Stillfried
  • Musik: Daniel Dorsch
  • Dramaturgie: Aljoscha Begrich
  • Künstlerische Mitarbeit: Regine Dura
  • Vorstellung vom: 25.05.2015 im Maxim-Gorki-Theater

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