Buchcover: Byung Chul Han - Die Erretung des Schönen.
Buchcover: Byung Chul Han – Die Erretung des Schönen.

Eine Rezension über Die Errettung des Schönen von Byung-Chul Han. Erschienen 2015, im S. Fischer Verlag. Ein Essay über die Kalokratie der Gegenwart.

Byung-Chul Han ist ein viel beschäftigter Mann. Er hat seit 2012 einen Lehrstuhl an der Universität der Künste (Berlin) für das Studium Generale. Seine Werke sind in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. Han gilt als einer der einflussreichsten Philosophen der Gegenwart. Der in Südkorea geborene Han vermeidet Auftritte in Rundfunk und Fernsehmedien. Das Internet lehnt für seine persönliche Kommunikation gänzlich ab.

Nach seinem äußerst eindringlichen Werk Psychopolitik unternimmt er den nun einen weiteren Versuch brennende Fragen der Gegenwart zu beleuchten.

Die ersten Kapitel wie z.B. das Glatte oder Ästhetik des Glatten erfüllen noch in etwa die erwartete Tonart. Erwartet hatte man eine schroffe Kritik wie man sie aus seinen früheren Essays kennt. In Die Errettung des Schönen ist diese Kritik spürbar abgemildert und weniger direkt in Richtung Leser geschrieben. Auch der Bezug zur digitalen Sphäre bleibt eher randbezogen.

Zunächst geht es um das glatte, das geschmeidigen. Das Glatte vermittelt nur ein angenehmes Gefühl, mit dem sich kein Sinn, kein Tiefsinn verbinden ließe. Es erschöpft sich im „Wow“.

In dem 106-seitigem Büchlein, geht Han auf die Macht der Schönheit ein. Er holt den altertümlichen Begriff Kalokratie aus der griechischen Antike hervor um über diesen den Einfluss des ästhetisches Empfinden auf uns Menschen zu beschreiben. Er versucht darzulegen, dass das Schöne die Negativität braucht. Das heißt, das gemeine, das alltägliche und besonders das hässliche und ekelhafte muss es geben um das Schöne zu erkennen, so Han. Dazu zitiert er Karl Rosenkranz der 1979 sagte:

Das Ekelhafte ist die reelle Seite [des Scheußlichen], die Negation der schönen Form, der Erscheinung durch eine Unform die aus der physischen oder moralischen Verwesung Entspringt.[…] Der Schein des Lebens im an sich Toten ist das unendlich Widrige im Ekelhaften.

Han macht deutlich, das es das eine nicht ohne das andere geben kann. Über eine Analyse von Kants Betrachtungen über das Schöne, kommt Byung-Chul Han zu der Erkenntnis, das zwischen Kants „Naturschönen“ und dem „Digitalschönen“ ein fundamentaler Unterschied besteht, z.B. die Zeitlichkeit.

Die Zeitlichkeit des Naturschönen ist das Schon des Noch-Nicht. Es erscheint am utopischen Horizont des Kommenden. Die Zeitlichkeit des Digitalschönen ist dagegen die Unmittelbare Gegenwart ohne Zukunft, ja ohne Geschichte. Es liegt einfach vor. Dem Naturschönen liegt eine Ferne inne.

Eine weitere Wirkung die Han auf Grund der unterschiedlichen Innerlichkeit zwischen Naturschönen und Digitalschönen ausmacht, fasst er in einer These zusammen. Das Naturschöne entzieht sich der „Konsumtion“, „das Digitalschöne verbannt jede Negativität des Nichtidentischen. Es lässt nur konsumierbare, verwertbare Differenzen zu.“ Damit meint Han, das die Dominanz des Digitalschönen in unserer Gegenwart, kein Zufall ist sondern ein Produkt des Kapitalismus der den perfekten Konsumenten sucht. Das Glatte, in der jede Tiefe, auch jede sinnliche Tiefe fehlt ist der Zeitgeist. Han konstatiert im letzten Absatz.

Heute befinden wir uns insofern in einer Krise des Schönen, als das Schöne zu einem Objekt des Gefallens, des Like, zum Beliebigen und Behaglichen geglättet wird. Errettung des Schönen ist Errettung des Verbindlichen.

Han gibt sich in seinem Essay die lobenswerte Mühe, Positionen anderer Philosophen wie z.B. Kant, Hegel, Platon, Heiddegger und Adorno, mit in seinen philosophischen Diskurs über das Schöne hinein zunehmen. Auch Roland Barthes zitiert er oft, ebenso kommt Nietzsche zu Wort. Warum aber Han nicht einmal Nietsches Genialogie der Moral erwähnt bleibt gerade im Kontext des Schönen ein Rätsel. Wem Han gesellschaftliche Betrachtungen bisher zu laut war, zu dicht im digitalen Kosmos, dem sei dieser Essay empfohlen. Die Errettung des Schönen, ist als eine etwas leiser gestimmte Kritik der Gegenwart zu vernehmen, aber gewiss nicht weniger erhellend.

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